Drei Witzfiguren im Stoffschrank – und was ich von ihnen gelernt habe

In den letzten Monaten habe ich in meiner Wohnung aufgeräumt, ausgemistet, einiges verschenkt, gespendet und weggeschmissen. Auch der Stoffschrank musste dran glauben. Dabei ist mir mehr als einmal ein Stoff in die Hände gefallen, den ich schon komplett verdrängt hatte. Ungläubiges Kopfschütteln, leicht verzerrter Gesichtsausdruck und ein „Ach Du meine Güte, was habe ich mir denn dabei gedacht?“ Da passt es ganz gut, dass Selmin im Rahmen ihrer Aktion #12ausdemstoffregal dazu aufruft, sich die Witzfiguren im Stoffregal etwas genau anzuschauen.

Erste Erkenntnis: Die totalen Fehlkäufe sind alle schon etwas älter. Offensichtlich habe ich über die Jahre dazugelernt. Für drei der wichtigsten Lektionen stehen die folgenden besonders schön-schrecklichen Stoffe:

Deine Blumen kannste behalten

Freunde und Verwandte, die von meiner Nähleidenschaft wissen, bieten mir gerne mal ihre Restbestände an. „Du nähst doch so viel, ich habe da noch xyz…“. Das ist vermutlich wirklich nett gemeint (und nicht nur eine günstige Entsorgungsmöglichkeit, öhöm). Und deshalb fällt es mir schwer, nein zu sagen. Gerade bei älteren Tanten, die noch aus entbehrungsreichen Kriegszeiten verinnerlicht haben, dass man aus allem etwas machen kann. Eigentlich eine gute Einstellung, aber so sehr ich Nachhaltigkeit und Upcycling mag: Manche Muster und Stoffqualitäten passen so wenig zu mir und meinem Stil, dass ich sie wohl tatsächlich nie verwenden werde.

Anfangs sammelte ich noch alles ein, weil ich mir einredete, es eigne sich doch vielleicht als Taschenfutter. Wie dieser glänzende Blumenalptraum, der eigentlich viel zu schwer für ein Taschenfutter ist. Mittlerweile gibt es so viele zweifelhafte potentielle Taschenfutterstoffe im Schrank, dass ich fürs Leben ausgesorgt habe. Also wähle ich aus und sage auch mal „Nein“, wenn jemand mit einem netten Angebot um die Ecke kommt.

Experimente nur in kontrollierter Umgebung

Beruflich beschäftige ich mich viel mit Architektur und Städten. Vielleicht liegt es daran, dass ich mal glaubte, ich müsse einen Stoff mit dem aufgedruckten Luftbild einer (mir unbekannten) Stadt unter einem dramatischen Wolkenhimmel kaufen. Ich erinnere mich dunkel, dass ich sogar dachte, es könnte witzig sein, einen Rock aus diesem Stoff zu nähen. Wahrscheinlich hatte ich an diesem Tag einen Sonnenstich.

Grundsätzlich finde ich es ja gut, auch mal Neues auszuprobieren und nicht nur reflexartig nach den immer gleichen Farben und Mustern zu greifen. Andererseits habe ich über die Jahre ein ganz gutes Gespür dafür entwickelt, was zu mir und meinem Leben passt. Deshalb versuche ich mir genau vorzustellen, wie ich in dem Stoff (oder dem Schnitt) aussehe und wie ich mich darin fühle. Und ganz ehrlich: In einem Stadtfotorock käme ich mir total albern vor.

100% Selbernähen klappt nicht

Offiziell habe ich nie an einer dieser „Ein-Jahr-ohne-Kleidung-kaufen“-Challenges teilgenommen. Aber auch ganz von selbst hat sich mein Kaufverhalten verändert. Wenn ich etwas sehe, das mir gefällt, denke ich oft: „Das muss ich nicht kaufen, das kann ich doch auch selbst nähen.“ Aber nur weil ich das rein handwerklich auch hinbekommen und vielleicht sogar einen Schnitt entsprechend anpassen könnte, heißt das noch lange nicht, dass ich auch den richtigen Stoff für mein Projekt finde.

Gerade für Sportkleidung geeignetes Material ist in den meisten Läden Mangelware. Deshalb habe ich eine Zeit lang jeden auch nur ansatzweise infrage kommenden Stoff, der mir begegnete, eingesackt. So auch diesen Stretchjersey, der auf dem Foto fast genauso harmlos aussieht wie im Laden (Zusatzlektion: Kunstlicht ist ein Fiesling). In Wirklichkeit hat das Zeug einen metallischen Glanz und wäre perfekt für ein 80er-Jahre-Aerobic-Outfit. Außerdem ist es vermutlich absolut nicht vergleichbar mit den schnelltrocknenden und atmungsaktiven Funktionsstoffen, aus denen gute Sportkleidung besteht. Meine bisherigen Versuche mit ähnlichen Stoffen waren zumindest nur solange erfolgreich, bis ich angefangen habe zu schwitzen. Ich hoffe noch darauf, dass es irgendwann mal schöne, am besten nachhaltig produzierte Sportstoffe als Meterware im stationären Einzelhandel gibt (Jaja, ich hab‘ schon mal was von Onlineshops gehört). Bis dahin kaufe ich meine Sportkleidung erstmal wieder fertig genäht.

Noch viel mehr gute Tipps zum gezielten Stoffkauf – bzw. gegen den Fehlkauf – gibt es bei Tweed & Greet.

Schöne Grüße

Christine

PS: Falls irgendwer Bedarf an Blümchen-, Luftbild- oder Jane-Fonda-Gedächtnis-Stoff hat: Ich hätte da noch was.

2 Kommentare zu “Drei Witzfiguren im Stoffschrank – und was ich von ihnen gelernt habe

  1. Hach, danke für diesen herrlichen Beitrag liebe Christine, ich muss grinsen, der Stoff mit dem Städteprint! Mega Vielleicht kannst du ihn einrahmen und als Kunst an die Wand hängen. ‍♀️ Oder als Geschenkbeutel für reiserelevante Geschenke nutzen? Für irgendwas muss der doch noch gut sein! Ich unterschreibe alles, was Du geschrieben hast! Genauso geht’s mir auch! Liebste Grüße, Selmin

  2. Liebe Christine, dein Schreibstil gefällt mir sehr und ich finde mich definitiv in einigen Punkten wieder. Als ich mit dem Nähen angefangen hab, war ich wirklich leicht zu begeistern. Alle möglichen Stoffe fand ich toll und dementsprechend viele Stoffschrankleichen haben sich mit der Zeit angesammelt. Mittlerweile passieren mir diese Fehlkäufe auch deutlich seltener, denn genau wie du habe ich auch ein Gefühl dafür entwickelt, was zu mir passt.
    Auch wenn du Onlineshops nicht so gerne magst, kann ich dir dennnoch den Badelycra von Alles für Selbermacher empfehlen. Die sind super für Sportkleidung geeignet, chlor- und salzwasserbeständig (selbst getestet) und zu 100% aus Meeresabfällen hergestellt. Außerdem fühlen sie sich einfach toll an.
    Liebe Grüße
    Tessa

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