Kleiderbügel - Schneidersitz

Seltener mal was Neues. Über selbstgenähte Fast Fashion.

Achtung, es folgt eine Moralpredigt. Und ein Weihnachtswunsch.
In den letzten Wochen war ich ein wenig genervt, frustiert und enttäuscht. Vielleicht habt Ihr es aus meinen Gedanken zum grauen Sweatshirt schon ein bisschen herausgelesen. Aber wofür hat man so einen Blog, wenn man da nicht mal alles loswerden kann? Keine Sorge, am Ende wird’s versöhnlicher.

Es ging um eine Sache, die schon länger in meinem Kopf vor sich hin köchelte, aber erst Ende November ihren Siedepunkt erreichte – am Black Friday. Eigentlich sogar schon ein paar Tage früher, als mein Email-Postfach überquoll von Angeboten, die mir 10, 20 oder 30 Prozent auf ihre Produkte versprachen. Und als mir in gefühlt jedem zweiten Laden die Sale-Schilder entgegenschrien, dass ich nur jetzt und nur heute alles zum Super-Sonder-Preis bekomme und noch mal saftige Rabatte, wenn ich gleich drei Teile kaufe.

In der S-Bahn saß mir wenig später ein Grüppchen Teenie-Mädels gegenüber, jede mit drei Primark-Tüten. Ihr wisst schon: diese braunen Papiertüten, die man sich für 20 Euro randvoll mit Plastik füllen lassen kann.

Vor einiger Zeit habe ich den Bericht „Wegwerfware Kleidung“ von Greenpeace gelesen, in dem es um unser Konsumverhalten und um den Umgang mit „Fast Fashion“ geht. Demnach kauft jeder durchschnittlich 60 neue Kleidungsstücke pro Jahr. 60. Das kam mir schon viel vor. Noch beunruhigender fand ich allerdings, dass 19 Prozent dieser Sachen ungetragen im Kleiderschrank hängen und dass ein großer Teil der Kleidung schon nach kurzer Zeit wieder ausgemistet wird. Die Mühe, ein Kleidungsstück zu reparieren (oder reparieren zu lassen), machen sich die wenigsten. Vieles landet schon nach wenigen Monaten auf dem Müll und wird durch etwas Neues ersetzt.

Fast Fashion – jetzt auch selbstgemacht

Was für ein Glück, dachte ich, dass es Menschen wie „uns“ gibt, die ihre Kleidung selber machen. Die ein ganz anderes Bewusstsein für den Wert von Kleidung haben und die Arbeit, die darin steckt, zu schätzen wissen. Daran glaubte ich zumindest, bis ich mich – zur Ablenkung von den Primark-Mädchen – durch ein paar Blogs und Instagram-Posts gescrollt hatte. Darin erzählte dann die eine, dass sie gerade das dritte Shirt in dieser Woche genäht hatte. Und eine andere „klagte“, dass das Best 9 auf Instagram gar nicht für alles reichen würde, was sie im vergangenen Monat gemacht hatte.

Solche Beiträge sind nicht die Regel – aber auch keine Ausnahmen. Hochgerechnet kämen wir hier nicht nur auf 60, sondern locker auf doppelt so viele neue Kleidungsstücke pro Jahr. Und die nicht selbstgemachten Sachen, Schuhe usw. sind da noch gar nicht dabei.

Ich kaufe ja auch gerne ein und ich freue mich über jedes neue Teil. Aber jede Woche drei neue Shirts? Was ist denn da los? Waschmaschine kaputt?

Sind wir alle Neomanen?

Braucht man wirklich ständig etwas Neues? Und braucht man wirklich so viel? Ich habe ein paar schöne Beiträge über „Neomanie“, die Sucht nach dem Neuen, gelesen und gehört (Hier erklärt in 100 Sekunden.) Das ist keine offiziell anerkannte Krankheit oder so, aber ein Phänomen, das wohl die meisten von uns kennen. Dieses Verlangen, etwas zu besitzen, einfach weil es neu ist. Das neueste Modell des Smartphones (des Autos, der Nähmaschine), obwohl das alte noch funktioniert. Die Schuhe (den Nagellack, das Schnittmuster) aus der aktuellen Kollektion, obwohl schon vier im Schrank stehen, die fast genauso aussehen. Den neuen Mantel (das Sofa, den Freund), weil man den Alten einfach nicht mehr sehen kann.

„Neu ist immer besser“, wusste schon der Universalgelehrte Barney Stinson. Ich kann das gut verstehen. Ich bin weit entfernt davon, Minimalistin zu sein. Ich langweile mich schnell, wenn ich etwas zu lange mache, kenne, besitze. Statt neuer Klamotten kaufe ich dann halt neue Stoffe und neue Knöpfe, was letztlich nicht nachhaltiger ist.

Aber muss ich dieser „Sucht nach dem Neuen“ wirklich nachgeben? Nöö. Und zum Glück muss ich dafür noch nicht mal nen kalten Entzug machen und ab sofort gar nichts mehr kaufen (oder nähen). Vielleicht reicht es für den Anfang öfter mal darüber nachzudenken, ob es wirklich drei neue Shirts sein müssen. Oder ob es sich nicht lohnt, ein Kleidungsstück auszubessern statt wegzuschmeißen, oder etwas Neues aus etwas Altem zu machen.

Seltener mal was Neues

Das steht ganz oben auf meinem Wunschzettel – noch über den ganzen neuen Sachen. Wer es schafft sich seine eigene Kleidung zu nähen, für den dürfte das doch ein Klacks sein. Und weil man sich die meisten Wünsche ja sowieso selbst erfüllen muss, fange ich schon mal an und zeige: nichts Neues. Und danach repariere ich das Futter von meinem Mantel.

Schöne Grüße

Christine

 

14 Kommentare zu “Seltener mal was Neues. Über selbstgenähte Fast Fashion.

  1. Vielen Dank für diese Worte, mir ging es dieses Jahr ganz ähnlich. Neukäufe waren diesen Herbst bisher ausschließlich Gewebeeinlagen und dergleichen, um meinen Stoffvorrat, für den ich mich inzwischen fast schon schäme, auch endlich vernähen zu können. Ich beschäftige mich viel mit Minimalismus, nicht weil mein Ziel eine Garderobe aus 3 Kleidungsstücken ist, aber ich glaube, dass einige Gedanken aus dieser Bewegung wirklich für jeden sinnvoll sein können. Ich habe mich beispielsweise viel mit „meinen“ Farben beschäftigt und allein die daraus hervorgegangene Palette hat schon viele Stoffkäufe verhindert, die garantiert nur im Schrank gelegen hätten. Und andererseits habe ich mich dann auch getraut für manches deutlich mehr Geld auszugeben, weil ich wusste, dass das Projekt ein vielgetragener Erfolg würde. Bei mir liegt jetzt auch ein Mantel auf dem Nähtisch, der mir gut passt und sehr teuer war, aber das Futter ist völlig zerrissen und eine Motte hat sich daran genascht. Die einzige Alternative wäre wegwerfen, aber meine Beschäftigung mit dem Thema hat mich dazu gebracht, im Vorrat nach einem passenden Futterstoff und meinen Stickgarnen zu kramen. Ich finde übrigens deinen Umgang mit diesem unserem Hobby sehr überlegt und dein Blog regt immer sehr zum Nachdenken an. Vielen Dank dafür! Lieben Gruß, Sophie

    • Liebe Sophie,
      vielen Dank für Deinen netten Kommentar!
      Ich finde die Capsule-Wardrobe-Idee auch sehr gut als Orientierung. Selbst wenn man sich nicht in allen Ansätzen wiederfindet, regt sie doch dazu an, sich mit seiner Kleidung bewusster auseinanderzusetzen und der eine oder andere Fehlkauf kann vermieden werden (Ich gebe zu: 100 % Trefferquote habe ich leider auch noch nicht 😉 )
      Mir geht es beim Mantel genauso wie Dir: vielgetragenes Lieblingsstück, aber gewissermaßen außen hui, innen pfui. Da lässt sich aber noch was machen. Allerdings würde mich ja jetzt noch sehr interessieren, was Du mit dem Stickgarn planst?!
      Schöne Grüße

      • Das Garn brauche ich, weil die Motte nicht etwa in einen Beleg oder die Innenseite einer Tasche oder IRGENDWO halbwegs unsichtbares gebissen hat, sondern mitten auf die Brust. Da hilft nur Stickgarn, aber mit bestickten Sachen liegt man ja im Moment sehr im Trend (oder zumindest rede ich mir das ein). Es ist ein oranger Dufflecoat, schwierig da ein Motiv zu finden, das passt… Vielleicht mache ich es wie Dior und lasse einfach ein Pfauenauge drauf landen, mal sehen.

  2. Ausgezeichneter Post! Tolle Ansprache! Super Thema!
    mir geht es so in der nähszene schon seit entsteheung von MMM und RUMS. jede woche wird was neues zusammen gekloppt. ich stellte nicht nur die notwenigkeit der zahl der produktion in frage, sondern auch und vor allem die qualität. um etwas gut zu nähen braucht man wesentlich mehr zeit für gedanken, auswahl der notwendiger materialen, anpassungen und die fertigstellung. ich habe eine sehr sehr lange näherfahrung, aber das tempo könnte ich niemals NIE halten! es liegt an dem vorgang,wie ich an das nähen ran gehe.
    im internet und istagram, darf man auch nciht vergessen, wird auch sehr viel gelogen, sehr viel schein-leben , scheinaktivitäten und schein -leistungen präsentiert.man darf nciht alles glauben,was man da sieht.
    bzgl. etwas reaprieren. das ist eine gute frage! ich besitze und trage immer noch manche jeans aus dem jahr 2007. wir ahben heute 2017. jeans zu tragen gehört bei mir zum alltag(bequeme arbeitskleidung,die mit bluse gepaart immer gepflecgt aussieht). das liegt aber auch daran, dass ich von anfang an, kein schrott gekauft habe. zugegeben, die qualität hat jetzt auch bei marken-artikel nachgelassen.
    möchte ich aus alt macht neu machen? definitiv -NEIN! die faser leiden mit der zeit. und aus alt macht neu sieht leider nun mal schäbig aus als wenn ich es auch gutem gewebe machen würde.
    Möchte ich heute für 30€ gekauftes kleidungstück reparieren? auch NEIN! weil die stoffe aus den diese kleidung gefertig wird, sehrn nach paar mal waschen auch schäbig aus.
    Ich teile hier mit nur meine persönliche meinung und möchte hier neiamnd zu nah kommen !

    • Liebe Julia,
      ganz herzlichen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar! Und danke, dass Du es nochmal auf den Punkt gebracht hast: Letztlich geht es doch vor allem um Qualität. Die scheint mir oft zu kurz zu kommen, was ich sehr schade finde. Da ich noch nicht sooo lange nähe und immer noch viel dazulernen muss, dauert es natürlich länger, wenn ich etwas nicht nur „zusammenkloppe“ (Sehr passender Ausdruck!). Aber wenn ich schon Zeit und Mühe in ein selbstgemachtes Kleidungsstück stecke, dann will ich auch lange etwas davon haben.
      Bei dem Thema „Neues aus Altem“ stimme ich Dir grundsätzlich auch zu. Irgendwann ist die Zeit gekommen, sich wirklich zu verabschieden. Aber manchmal gibt es ja Dinge, die kaum getragen wurden und nur deshalb weggegeben werden, weil sie nicht mehr „modern“ sind. Da lohnt es sich meiner Meinung nach schon, zu überlegen, ob man durch kleine Veränderungen vielleicht noch etwas retten kann.
      Schöne Grüße
      Christine

  3. Hm, – dies ist wohl wahr. Ich habe auch einen gigantischen Stoffvorrat und dem versuche ich beizukommen. Ich komme aber auch nicht an das schnelle Nähen ran. Im Gegenteil mit mehr Erfahrung werde ich kritischer und beschäftige mich mehr damit: mit Farben, die zu mir passen. Stoffe, die mir schmeicheln aber auch Schnitte, die meine Vorzüge betonen. Ein langer Weg und auch in der Nähszene ist er ja angekommen mit Capsule Wardrobe…. Ich finde gut, dass Du es erneut aufgreifst. Wie immer, teilt es sich – in die, die die günstigsten SToffe vernähen wollen und in die, die hochwertiger nähen und auch anspruchsvoller. Eher mein Weg!

    • Ja, das ist tatsächlich kein neues Thema, aber es lag mir sehr am Herzen, noch einmal daran zu erinnern. Auch weil ich mich selber ja auch oft bremsen muss, wenn ich etwas Neues sehe und dann unbedingt haben will 😉
      Liebe Grüße
      Christine

  4. Liebe Christine ,
    Ein toller Beitrag und man merkt beim lesen , dass es von Herzen kommt , was da steht . Ich kann das alles nur unterstreichen , was da steht und freue mich , dass immer mehr Leute zwar ein solches Bewusstsein entwickeln , aber so viele doch immer diesem Gigantismus verfallen.
    LG Kirsten

  5. Liebe Christine,
    das ist ein sehr spannendes Thema … Zu Beginn meiner „Näh-Kariere“ habe ich mich oft verführen lassen von neuen Schnitten, neuen Stoffen, neuem Zubehör. Mittlerweile kenne ich aber meine Farben und meinen Stil recht gut und nähe „mit Verstand“ nur (meistens jedenfalls ;)) Sachen, die ich auch untereinander kombinieren kann. Und die ich brauche. Im vergangenen Frühjahr habe ich radikal ausgemistet und alles, was zuviel war, in die Kleiderkammer gegeben. Mir fällt es einfach total schwer, Kleidung, die noch in Ordnung ist, zu zerschneiden um daraus etwas anderes zu machen. Ich kaufe kaum noch neue Schnitte, weil ich aus denen, die ich habe und die sich bewährt haben, eigentlich alles nähen kann, was ich möchte. Allerdings nähe ich auch manchmal einfach, weil ich es brauche – das Nähen an sich, das Gefühl, etwas geschaffen zu haben und das Hochgefühl, wenn es geklappt hat.
    Nachhaltigkeit ist schon ein großes Thema. Und gerade, weil wir uns die Kleidung nähen können, die zu uns passt und die uns passt, brauchen wir ja eigentlich nicht mehr jedem neuen Trend hinterher zu laufen. Trotzdem, immer noch ein großes Lernfeld für mich …

    • Liebe Doro,
      das mir dem Hochgefühl kann ich sehr gut nachvollziehen. Das geht mir genauso. Leider ist das aber dann oft auch schnell wieder vorbei. Daher versuche ich etwas zu schaffen, über das ich mich auch nach längerer Zeit noch freuen kann. Klappt nicht immer, da lerne ich auch ständig noch dazu.
      Schöne Grüße
      Christine

  6. Wahre Worte! Ich sehe besonders häufig Bloggerinnen, die „probenähen“, seien es Schnittmuster oder Stoffe (ziemlich oft ist es beides). Da wird jede Woche mindestens ein neues Sweatshirt oder Kleid präsentiert und irgendwann zählt man so im Kopf mit und fragt sich: „Moment mal, wieviele Hoodies und Kleider haben die jetzt eigentlich im Schrank?!“

    Ungetragene Kleidung habe ich kaum, aber manchmal zuviele Lieblingsteile (der norddeutsche Sommer ist meist einfach zu kurz für mehr als 2 Kleider …). Und trotzdem nähe ich eher zuviel als zuwenig, wenn ich ehrlich bin.
    Klar ist da einerseits die Verlockung von schönen neuen Musterstoffen. Andererseits ertappe ich mich aber auch häufiger mal dabei, ein besonders interessantes Schnittmuster nähen zu wollen, nur weil der Nähprozess bestimmt interessant ist. Da muss ich durchaus manchmal innerlich auf die Bremse treten – es wäre wirklich blöd, exzessives Shoppen (was ich nie getan habe; ich war ein Kleinstadt-Teenie vor der Internet-Ära) durch exzessives Stoffshoppen und sinnloses Nähen zu ersetzen …

  7. Ich habe letzten Sommer auch mal einen Beitrag zu dem Thema verfasst:
    https://mondkunst.blogspot.de/2017/05/diy-vs-minimalismus.html

    Und frage mich auch bei manchen Hobbyschneidern, wann die das alles tragen …
    Selbst habe ich für dieses Jahr den Vorsatz gefasst, meine Stoffvorräte zu reduzieren und bewusster Stoff zu kaufen. In den Stoffe.de-Sale habe ich lieber gar nicht erst reingeschaut, da ich von dem im letzten Jahr noch nicht alle Stoffe vernäht habe … ich hoffe, das klappt auch die nächsten 11 Monate so gut!

  8. Liebe Christine,
    ich finde deinen Beitrag super – er spricht mir sehr aus der Seele. Als ich vor einem Jahr angefangen habe, Kleidung für mich selber zu schneidern, bin ich schon mit einem Capsule-Gedanken an das Projekt herangegangen. Ich nähe auch nichts, nur um bei einer Challenge, einem Sew-Along oder ähnlichem dabei sein zu können und habe von Anfang an darauf geachtet, dass die DIY-Teile sich gut mit meinen anderen Stücken kombinieren lassen.
    Das ist mir super wichtig… Ich glaube aber, dass es mittlerweile einigen Bloggerinnen so geht. Ich habe in letzter Zeit einige Artikel gelesen, in den „schon mal verbloggte Teile“ neu in Szene gesetzt wurden und bewusst nicht jedes mal ein neues Kleidungsstück gezeigt wird.
    Vielleicht findet hier ja ein Umdenken statt 🙂 Gut also, dass du mit diesem Artikel dazu beiträgst!
    Ich habe dieses Jahr übrigens das „Shoppingfreie Jahr 2018“ ausgerufen und eine Mitmach-Aktion daraus gemacht. Wenn du magst, schau doch mal bei uns vorbei 🙂

    Liebe Grüße,
    Wiebke

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