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Herbstliche Shorts und Tipps für‘s Zuschneiden von Karo-Stoffen

Karierte Chataigne-Shorts

Teil 2 meiner Herbstgarderobe steht: schön warme Shorts aus karierter Wolle. Die waren eigentlich meine erste Idee für den Orange-Beitrag zu den 12 Colours of Handmade Fashion im September. Aber wie das so ist, wenn man zu genaue Vorstellungen hat, gestaltete sich die Suche nach Stoff und Schnittmuster recht schwierig und das Projekt wurde nicht rechtzeitig fertig. Den fast perfekten Stoff fand ich schließlich bei Alfatex – reduziert von superteuer auf teuer, aber immerhin 100 % Wolle, und für Shorts braucht man ja auch nicht so viel. Beim Schnittmuster fiel die Wahl auf die Chataigne-Shorts von Deer and Doe – vor allem wegen des Namens. Denn Chataigne bedeutet Kastanie, und wer denkt da nicht gleich an herbstliche Deko und Waldspaziergänge durch raschelndes Laub in Wollhosen? (Offensichtlich keiner, wenn man sich die genähten Beispiele im Netz so anschaut. Nun ja.) Um sie auch wintertauglich zu machen, habe ich noch ein Futter ergänzt.

Etwas zu spät fiel mir auf, dass das Schnittmuster aus ziemlich vielen Einzelteilen besteht, was das Patternmatching nicht unbedingt vereinfacht. Trotzdem hat es mit ein paar Tricks gut geklappt, das Muster ohne größere Unregelmäßigkeiten zusammenzufügen. Wie ich dabei vorgegangen bin und was Ihr bei Eurem nächsten Karoprojekt mal ausprobieren könnt:

8 Tipps für’s Zuschneiden und Nähen von karierten Stoffen:

1. Konzentration, bitte!

Ich kann Euch die knallharte Wahrheit nicht ersparen: Das Zuschneiden karierter Stoffe ist eher nichts für mal so nebenbei, nach einem langen Tag mit nervigen Kollegen oder schreienden Kindern. Nee, ein bisschen Zeit und Ruhe schadet nicht. Auch vom vorausgehenden Konsum alkoholischer Getränke ist abzusehen (Nehme ich an. Nicht, dass ich da Erfahrung hätte.). Wenn Ihr aber noch eine kleine Denksportaufgabe oder eine neue Meditationstechnik sucht, seid Ihr beim Karozuschnitt genau richtig.

2. Ganz entspannt bleiben!

Konzentration hin oder her: Am Ende klappt‘s doch nicht immer. So ein gewisser Hang zum Perfektionismus ist zwar nicht nachteilig, aber spätestens, wenn der Karostoff üble Beschimpfungen über sich ergehen lassen muss, ist es Zeit, sich mal wieder klar zu machen, dass auch bei gekauften Sachen die Muster nie hundertprozentig aufeinander treffen und dass niemandem – außer einem selbst – jemals auffallen wird, wenn die eine Linie da drei Millimeter zu tief sitzt. Dat kuckt sich wech, hätte meine Oma gesagt.

3. Man kann nie genug Stoff haben!

Ich bin ja eine Meisterin im Stoffsparen. Alles wird so eng wie möglich aneinander gelegt, die Webkante als Nahtzugabe genutzt, nur um noch ein paar Zentimeter rauszuholen. Das geht bei gemusterten Stoffen leider so gut wie gar nicht. Da muss dann ein Schnittteil auch mal zehn Zentimeter vom Rand weggelegt werden, damit das Muster an der richtigen Stelle sitzt. Schockierend, aber unvermeidlich. Wenn man mit dem Zuschnitt der größeren Teile startet, kann man die dramaaaatische Verschwendung etwas eindämmen. Sicherheitshalber kaufe ich aber immer ein wenig mehr Stoff als angegeben. Eine Formel dafür habe ich leider nicht. Als Faustregel gilt aber: Je größer der Rapport, desto mehr Verschnitt.

4. Vertuschungsaktionen

Gestreifte Stoffe sind ja schon schwierig genug. Beim Karo kommen noch eine weitere Komplikation hinzu: Das Muster verläuft von oben nach unten UND von links nach rechts. Man muss also alle Seiten im Blick haben. Da Schnittteile aber selten rechtwinklig sind, ist es kaum möglich, an allen Seiten den perfekten Anschluss zu finden. Aaaaber: Wenn man in die Kontinuität des Musters in die eine Richtung beachtet, fallen die „Brüche“ in die andere Richtung gar nicht mehr so sehr auf. Der Bund der Chataigne-Shorts besteht aus sieben Schnitteilen, die nach oben hin schmaler werden. Wenn man den Fadenlauf beachtet (Sehr zu empfehlen!), führt das zwangsläufig dazu, dass die senkrecht laufenden Streifen schräg aufeinander stoßen. Dadurch, dass die waagerechten Linien aber ringsum durchlaufen, werden die schiefen Kanten viel unauffälliger.
Und wenn sich Unregelmäßigkeiten gar nicht vermeiden lassen, dann sollten sie möglichst dorthin verlagert werden, wo eh keiner hinschaut, zum Beispiel auf die Beininnennähte statt mitten auf den Po.

5. Finde Deine Mitte!

Ach, wir sind doch alle harmoniebedürftig, oder? Unsere Augen auch und deshalb mögen sie Symmetrie so gerne. Am liebsten ist es ihnen, wenn die Längsachse unseres Körpers auch die Mittelachse des Musters ist, das sich dann schön zu beiden Seiten spiegelt. Blöd nur, dass Karomuster oft gar nicht symmetrisch sind, auch wenn sie auf den ersten Blick so scheinen. Bei meinem Stoff gibt es keine eindeutige Mitte. Aber es gibt – jeweils im Wechsel mit einer braunen Linie jeweils zwei auffälligere Streifen (in Blau und Orange) und einen zurückhaltenderen (in Grün). Dadurch entsteht dann doch eine Art Symmetrie, bei der die grüne Linie die Mittelachse bildet. Tadaaa!

6. Her mit dem Geodreieck!

Die grüne Linie ist die Basis für ein Hilfslinienraster, das ich vom Stoff auf die Schnittteile übertragen habe. Klingt komplizierter als es ist. Wenn Eure Mittellinie nicht grün ist, sondern rosa oder grau mit Glitzer, funktioniert das Ganze natürlich auch. Startet am besten mit einem der größeren Schnittteile mit Stoffbruch oder Naht in der Körpermitte (=Längsachse=grüne Linie). Im Fall meiner Shorts war das das spitz zulaufende mittlere Bundteil. Bei einer Jacke würde ich mit dem mittleren Rückenteil beginnen, bei einem Bahnenrock mit einer Bahn an der vorderen Mitte und so weiter. Legt dieses Teil jetzt an die grüne Linie auf dem Stoff und markiert auf dem Papier auch die parallel dazu verlaufenden grünen Streifen. Am leichtesten geht das mit transparentem Schnittmusterpapier, durch das der Stoff durchscheint. (Hatte ich nicht. Klappte trotzdem.)

Jetzt legt Ihr Eure Papierschnittteile so aus, wie sie aneinander genäht werden. Falls die Nahtzugaben schon enthalten sind, knickt oder denkt sie Euch weg, denn es geht in diesem Schritt nur um die späteren Nähte, an denen die Musterlinien aufeinandertreffen. Markiert diese Punkte am Rand (an der Nahtlinie) und zeichnet sie dann parallel zum Fadenlauf weiter. Kontrolliert auch, dass die Linien den gleichen Abstand haben wie auf dem Stoff. In einer idealen Welt könnte man das Karomuster jetzt in alle Richtungen unendlich fortsetzen. Im echten Leben gibt es aber Abnäher, Rundungen und andere Fieslinge, die einen Teil des Musters „schlucken“ und die Fortsetzung schlagartig beenden. Bei meinen Shorts kann man das gut am Übergang zum Bund erkennen. Komplett vermeiden kann man diese Brüche nicht, aber: s. Tipp 2.+4.
In der Horizontalen spielen wir das gleiche Spiel: eine prägnante waagerechte Linie zum Anlegen des Schnittmusters aussuchen, die Parallelen aufs Papier übertragen und auf den anschließenden Schnittteilen fortsetzen.
Jetzt müssten alle Papierteile mit einem hübschen Karomuster überzogen sein und können so auf dem Stoff platziert werden, dass die grünen Linien auf dem Papier auf den grünen Linien des Stoffs liegen.

7. Einfache Stofflage, doppeltes Vergnügen!

Den Zuschnitt mache ich bei gemusterten Stoffen grundsätzlich einlagig. Was, einlagig? Das ist doch doppelte Arbeit! Stimmt, aber wenn man nicht gerade mit transparentem Stoff arbeitet oder Superheldenröntgenaugen hat, ist es nun mal recht schwierig zu sehen, ob die untere Stofflage wirklich ganz genau parallel zur oberen ausgerichtet ist. Deshalb: Erste Lage ausschneiden, rechts auf rechts auf den Stoff legen und so ausrichten, dass das ausgeschnittene Stück – simsalabim – fast unsichtbar wird. Nicht verzweifeln, wenn nicht alle Streifen übereinander passen. Das könnte an der mangelnden Symmetrie (s. o.) liegen. Hauptsache die ausgewählten Hilfslinien in grün (oder rosa oder grau mit Glitzer) stimmen überein. Falls der Stoff verzogen oder rutschig ist, verbinde ich die Lagen mit Stecknadeln. Dann einfach an der Kante des oberen Schnittteils entlang schneiden. Fertig.
Bei Teilen, die im Stoffbruch zugeschnitten werden sollen, macht man kurzerhand die „Mittellinie“ zum Stoffbruch. Für meinen vorderen Bundmittelteil habe ich das Schnittteil mit der Stoffbruchkante an die grüne Linie angelegt und entlang der anderen Kanten ausgeschnitten. Dann habe ich die ausgeschnittene Hälfte umgeklappt und wie oben beschrieben exakt ausgerichtet und zugeschnitten.

8. Startet die Maschinen!

Das Schlimmste ist geschafft, der Rest geht fix: nähen, bügeln, anziehen, freuen. Und dann los zum Maronenstand.

Herbstliche Grüße

Christine

PS: … auf dem Weg zu RUMS.

Schnitt: Shorts Chataigne von Deer and Doe, Kombination von Version A (Umschlagsaum) und B (hoher Taillenbund), Beine um 3 cm verlängert und Futter ergänzt
Stoff: Wollgewebe von Alfatex in Bochum, Futterstoff vom Stoffmarkt Holland