Mantel Refashion aus Nadelstreifen-Anzug

Da ist ein Mantel im Anzug! – The Refashioners 2017

Was ich am Nähen am meisten mag, ist das Experimentieren. Neue Schnitte, ungewohnte Materialien, anspruchsvolle Techniken ausprobieren. Nicht immer geht das Experiment gut aus. Das ein oder andere Kleidungsstück passt auch nach dem dritten Rettungsversuch nicht (zu mir) und wird verschenkt, gespendet oder schlimmstenfalls in die Tonne geworfen (kommt zum Glück sehr selten vor). Schade, wieviel Zeit, Mühe, Geld dann letztlich investiert wurde, um am Ende nur auf einem immer größeren Berg aus Altkleidern zu landen. Umso schöner finde ich die Idee, aus dem, was anderen nicht (mehr) passt, etwas Neues zu machen. So richtig rangetraut habe ich mich an solche Refashion-Geschichten bisher aber nicht. Für dieses Jahr hatte ich mir deshalb ganz fest vorgenommen bei der Aktion The Refashioners mitzumachen, die Portia von Makery initiiert. Diesmal geht es unter dem Motto „Suits you“ darum, einen Anzug zu refashionen (yes, liebe Duden-Kommission, das ist ein wirklich bescheuerter Anglizismus, den ich mangels deutschem Äquivalent einfach mal erfunden habe). Eine Reihe ausgewählter toller Blogger haben bereits mit ihren Refashion-Projekten gezeigt, wie viel in alten Klamotten so drin steckt. Und in der Community-Challenge können jetzt alle ihre Ex-Anzüge präsentieren. Von den ganzen Ideen war ich so beeindruckt (und auch ein bisschen eingeschüchtert), dass ich erst kurz vor knapp mein Projekt fertiggestellt habe, obwohl der Anzug schon eine Weile am Stoffschrank hing.

Nadelstreifen-AnzugSchon im August, kurz nachdem das Thema bekannt gegeben wurde, hatte ich mich bei Familie und Freunden umgehört und schließlich die Second-Hand-Läden durchforstet. Das war schwieriger als gedacht, weil es oft nur einzelne Sakkos oder Hosen gab, aber keine zusammengehörigen Teile. Im Dortmunder Oxfam-Shop ergatterte ich einen klassischen dunkelblauen Nadelstreifen-Anzug für 16 Euro. Zuvor hatte er wohl einem mittelgroßen, untersetzten Herrn mit Größe 27 gehört. Das erwies sich später als vorteilhaft, weil alle Stoffstücke relativ breit waren.
Damit aus dem „geretteten“ Kleidungsstück nicht doch ein Teil für die Tonne wird, hatte ich mir vorgenommen, keine verrückten Experimente zu starten, sondern etwas zu nähen, dass ich wirklich brauchte und tragen würde. (Den gleichen Gedanken habe ich übrigens auch bei Georgia von Ginger Stitch wiedergefunden, deren Refashion-Projekt ich wirklich großartig finde.) Außerdem wollte ich möglichst viel von dem ursprünglichen Kleidungsstück wiederverwenden und möglichst wenig Neues ergänzen.

Mantel Refashion aus Nadelstreifen-AnzugSo entstand die Idee eines schlichten Mantels. Meine vorhandenen Mäntel sind alle eher trenchcoatartig, also tailliert und mit Revers. Das wollte ich hier ganz bewusst nicht, obwohl es sich bei dem Blazer-Kragen natürlich angeboten hätte. Stattdessen habe ich den Kragen abgetrennt, das Revers aufgeklappt und ausgebügelt und dann Vorderteil und Beleg neu geformt. Mithilfe des Schnittmusters meiner Jacke Blanche habe ich den Oberkörper etwas schmaler gemacht, ohne dabei aber alles komplett auftrennen zu müssen. So konnten auch die Taschen in der ursprünglichen Form erhalten bleiben. Die Knopflöcher sind ebenfalls noch die Alten.

Mantel Refashion aus Nadelstreifen-AnzugAuch für die Änderungen an Armlöchern und Ärmel habe ich mich an dem erprobten Blazerschnitt orientiert. Von den Bergen an Vlies und Verstärkung, die offensichtlich die breite Männerbrust formen (ich hatte ja keine Ahnung!), habe ich nur die Schulterpolster und die fest verklebten Teile behalten. Alles andere war mir dann doch zu voluminös und steif und wurde gnadenlos herausgetrennt. Eigentlich hatte ich geplant, die Ärmelabschlüsse unverändert zu lassen. Es stellt sich aber heraus, dass die Arme des untersetzten Herrn kürzer sind als meine. Also probierte ich kurzerhand (hihi!) mit einem Bündchenrest aus dem Stoffvorrat herum. Das wurde zu einem Überraschungstreffer, denn dieser leichte Bomberjacken-Effekt passt ganz gut zu dem sonst so schlichten Mantel, oder?

Mantel Refashion aus Nadelstreifen-AnzugFür den unteren Teil des Mantels konnte ich die Hosenbeine nutzen. Die unteren Saumkanten passten fast perfekt an die mittleren und seitlichen Teile des Rückens, so dass ich kaum Verschnitt hatte und die Beine beinahe in der gesamten Länge nutzen konnte.
Beim Futter habe ich die gleichen Änderungen vorgenommen wie beim Oberstoff, so dass auch die Innentaschen noch da sind. Nur im unteren Bereich musste ich „externen“ Stoff ergänzen, weil die Hose mit Futter natürlich nur bedingt dienen konnte. Diese 40 cm Futter waren dann auch die einzige Neuanschaffung. Viel Abfall ist nicht entstanden. Und den Reißverschluss und die Knöpfe der Hose habe ich schon für’s nächste Refashion-Projekt zur Seite gelegt.

Mantel Refashion aus Nadelstreifen-Anzug
Schöne Grüße
Christine

PS: Noch bis zum 31.10.2017 könnt Ihr mit Eurem refashionten (yes, again) Anzug an der Community Challenge teilnehmen!
PPS: Mehr Mäntel, Fashion und Refashion gibt’s auch beim MeMadeMittwoch.

14 Kommentare zu “Da ist ein Mantel im Anzug! – The Refashioners 2017

  1. Ganz großartig! Da juckt es mir direkt in den Fingern, den Schrank meines Mannes zu durchsuchen!! Bin begeistert!

    Liebe Grüße!!!

    • Danke, liebe Karin! Dann hoffe ich mal, Dein Mann rückt seine Anzüge freiwillig raus 😉

  2. Unglaublich, dass du einen kompletten Mantel aus dem Anzug herausholen konntest!
    Dein Refashion-Projekt gefällt mir sehr, sehr gut.
    LG, Bele

    • Vielen Dank, Bele! Ich war mir vorher auch nicht so ganz sicher, ob das passt. Und für einen längeren Mantel hätte es definitiv nicht gereicht. Aber ich bin ohnehin eher so der Kurzmantel-Typ 😉

  3. Supertoll. Bei uns bleiben leider auch immer nur die Jacket s übrig und dafür fehlt mir eine gute refashion Idee. LG Anja

    • Bei den Refashioners-Bloggern gab es auch ein paar Ideen für Blusen oder eine Kimonojacke. Vielleicht wäre das ja was für Dich?
      Liebe Grüße!

  4. wow, damit hast du echt einen Treffer gelandet; schlicht und schön und besonders cool finde ich die Bündchenabschlüße am Ärmel; ist mir sofort aufgefallen.
    LG von Susanne

  5. Toller Mantel!!! Gefällt mir sehr gut.

    Viele Grüße
    Anke

  6. Stark! Der Mantel ist superschön geworden und Dein Bericht las sich sehr spannend. Die Bündchen finde ich auch eine geniale Lösung und dass Du sogar das Futter verwenden konntest – großartig. Dein Bericht motiviert mich sehr für beim aktuelles Refashion-Projekt: aus drei Jeanshosen einen Blouson für die Tochter zu machen.
    Liebe GRüße
    Ina

    • Oh ja, Jeans-Blouson klingt super. Da beneide ich Deine Tochter jetzt schon.
      Liebe Grüße!

  7. Einfach nur cool. Wenn jemand dich auf deinen schönen Mantel anspricht und du sagen kannst : ja das war mal ein Anzug! – das ist einfach so genial… ich bin sehr inspiriert leider fehlt mir für sowas noch ein bisschen Mut… lg Sarah

  8. Tres chic! Mit Bündchen annähen hatte ich bei meinem Refashion ja auch geliebäugelt – das ist ein cooler verleiht den Business Nadelstreifen was schön Legeres. Liebe Grüße von No-Angie. 😉

  9. So ein tolles Projekt! Ist Dir wirklich gut gelungen. Der Mantel ist ein absoluter Hingucker.
    Ich glaube, wenn man so entspannt an ein solches Projekt heran geht, wie Du, dann kann da kaum was schief gehen. Meine Erfahrung hat gezeigt, je höher die Erwartungshaltung, desto weniger dicht kommt man an sie heran. Und Hut ab vor Deinen Umsetzungen, ich schrecke schon vor dem Innenfutter eines Blazers mit Abnähern zurück ;o)
    LG Stef

  10. Chapeau! Da hast du dem Anzug aber ein sensationelles Lifting verpasst. Mir gefallen besonders die pure (ohne)Kragenlinie und die Ärmelabschlüsse.
    LG Malou

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