Mélodie, Moderegeln und Mädchenfreundschaften. Über ein Jerseykleid

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Mélodie und ich lernten uns im Frühjahr kennen. Aus einer eher zufälligen Begegnung und anfänglichen Vorurteilen ist mittlerweile eine enge Freundschaft geworden. Wie es dazu kam:

Für die warmen Tage wollte ich mir ein schönes leichtes Kleid nähen. Mélodie war eigentlich nur das Probekleid, genäht mit einer großen Portion Skepsis. Obwohl ich auf Probekleider sonst in der Regel verzichte (nicht aus Faulheit, sondern weil ich es langweilig finde, zweimal hintereinander das Gleiche zu nähen), hatte ich mich dieses Mal doch für eine Testvariante entschieden. Das lag zum Teil daran, dass ich mich – wie bei jedem Kleiderschnitt – zwischen drei Größen bewegte und die Erfahrungsberichte, die ich zu diesem speziellen Schnitt fand, die Entscheidung auch nicht leichter machten.

Der eigentliche Grund meines Zögerns aber war – und jetzt kommen wir zu einem für viele sicher schockierenden Bekenntnis: Ich hatte seit ungefähr dreiundzwanzig Jahren kein Jerseykleid mehr getragen! Bei meinem nahtlosen Übergang von Kindergröße 176 zu Damengröße 40+ erklärte man mir, dass damit der Körperumfang für ein bedenkenloses Tragen von Jerseykleidern überschritten sei („Das trägt fürchterlich auf.“)

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Im Laufe der Jahre schaffte ich es die meisten solcher vermeintlich hilfreichen Stylingverbote für Menschen jenseits von Topmodellmaßen erfolgreich zu ignorieren. Enge Jeans, Jacken, die nicht über die Hüften gehen, flache Schuhe zu Röcken – pfft, trage ich trotzdem, auch wenn Modeexperten, Stilberater und meine Mutter mir dringend davon abraten.Aber die Jerseykleid-Warnung hatte sich dauerhaft festgesetzt und erstreckte sich nicht nur auf enge Schlauchkleider, bei denen Warnhinweise ja durchaus angebracht wären, sondern auf jegliche Art von Schnitt. In meinem Leben gab es schlichtweg keine Jerseykleider.

Bis ich das Buch „Näh Dir Dein Kleid“ von Rosa P. im Laden sah und mir die Modelle auf dem Cover mir so gut gefielen, und ich erst zuhause den Satz auf Seite 10 las: „Die Schnitte in diesem Buch sind ausschließlich für Jerseystoffe konzipiert“. Punkt. Stand auch schon auf dem Umschlag, hätte man auf den Fotos auch sehen können, hatte ich aber nicht. Nun, dann sollte es wohl so sein. Ich könnte das Kleid ja dann einfach an den ganz heißen Tagen zuhause zum Rumgammeln anziehen. Oder als Nachthemd.

Ich hatte noch eine größere Menge günstig erstandenen Jersey mit einem feinen Lochmuster im Schrank, aus dem ich das Kleid zuschnitt. Falls es wider Erwarten passen sollte, könnte ich ja immer noch einen schöneren finden. Ich glaubte aber nicht richtig daran.

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„Näh Dir Dein Kleid“ ist ein Baukastensystem, bei dem man verschiedene Oberteile, Ärmellängen und Rockformen miteinander kombinieren kann. 16 dieser Varianten werden im Buch vorgestellt und tragen hübsche französische Namen. Ich entschied mich für den A-Linien-Rock und das Carmenoberteil mit kurzen Ärmeln von Modell Élodie, allerdings mit dem kleinen Ausschnittschlitz von Muriel, et voilà: Mélodie.

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Mélodie war mir gleich sympathisch, obwohl sie nur ein Probekleid in Größe L-M-XL mit welligen Nähten ist. Der Stoff gefiel mir an ihr auch überraschend gut. Als es dann irgendwann in diesem Sommer heiß wurde, ging ich mit ihr aus.

Ich verließ das Haus mit einem Jerseykleid! Bei Tageslicht!

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Und wir hatten einen schönen Tag zusammen. Bequem, luftig und entspannt. Wir wurden Freundinnen. Sobald das Thermometer über 28 Grad stieg, wurden die gewebten Kleider verbannt und Mélodie war dabei. Im Park, im Café, beim Spaziergang durch die Stadt und auch an diesem einen Urlaubstag, an dem ich die Sonnencreme vergaß und sie sich langfristig einbrannte, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hat deutliche Spuren hinterlassen, nicht nur an meinen Oberarmen und im Nacken. Vor allem aber hat sie mir geholfen, das Jerseykleid-Trauma zu überfinden. Das werde ich ihr nie vergessen – auch wenn ich mich demnächst vielleicht mal mit Odette oder Manon treffe.

Sommerliche Grüße

Christine

PS: Ein schickes neues Kleid hat übrigens auch der MeMadeMittwoch, der frisch gestylt aus der Sommerpause zurück ist.

 

13 Kommentare zu “Mélodie, Moderegeln und Mädchenfreundschaften. Über ein Jerseykleid

  1. Ja, wie sich Worte doch einprägen können….
    Aber es ist völlig unbegründet. Das Kleid steht dir wunderbar und Jersey ist und bleibt einfach ein bequemes, angenehmes Material. Ich hoffe, da kommt noch mehr…
    LG Christine

  2. Ja – verrückt, wie sich manches festsetzt und man dem mit guten Argumenten nicht beikommt. Herrlich. Steht Dir gut und Du solltest auf jeden Fall weitere Kleider aus Jersey nähen. Wobei an heißen Tagen ist Webware mein Favorit, aktuell Frau Selma von Schnittreif….

  3. Was für ein schöner Text! Und das Kleid steht Dir ausgezeichnet!

  4. Moderegeln, pah, da ist so viel Unsinn dabei und sie ändern sich immerzu. Das Kleid ist schön an dir. Gruß Mema

  5. Gut, dass du es gewagt hast, denn da ist wirklich ein tolles Kleid rausgekommen.
    Lg Iris

  6. Das Kleid ist wunderschön, gerade aus dem Stoff!
    LG
    Marlene

  7. Ich war auch lange Jerseygegner (aus denselben Gründen) und vernähe Jersey nun sogar in Größe XL.
    Deine Baukastenkombi ist wirklich sehr tragbar geworden.
    Grüßle Bellana

  8. Ach, das hast du wunderbar geschrieben! Und ich bin sicher, es wird nicht bei dieser einen Mädelsfreundschaft bleiben. Melodie ist jedenfalls eine super schöne „Bekleidung“ …
    Liebe Grüße von Doro

  9. Ganz ehrlich: das Kleid steht dir großartig. Wenn ich den Text nicht gelesen hätte, hätte ich dich anhand der Fotos auf Größe 38 geschätzt und wäre nie auf die Idee gekommen, dass du mal ein Problem mit deiner Figur hattest!
    Ganz liebe Grüße, Lena

    • Dankeschön! Mit der 38 kommt’s obenrum manchmal sogar hin, aber die Hüfte braucht ne 42, nach den meisten Maßtabellen sogar 46. Aber ich glaube, seit ich das selber nicht mehr als „Problem“ sehe, wirkt es auch auf andere nicht mehr wie eins.

  10. Oh man, so ein Unsinn mit den Moderegeln. Was Leute immer für tolle Tipps haben! Und ich mein, ich wusste nichtmal, dass es diese Jerseykleidregel überhaupt in irgendeinem Kopf gibt! Gut, dass es bei dir doch noch zum Jerseykleid gekommen ist, du siehst toll darin aus und der Stoff gefällt unheimlich gut! 🙂

    Liebe Grüße
    Katharina

  11. Cornelia Grage

    Hallo,
    sehr schön und witzig geschrieben… ich sitze hier grinsend am Rechner. Danke dafür! So fängt der Tag gut an! Das Buch habe ich mir vor einer Woche auch zugelegt und gestern mein erstes Carmen-Shirt daraus genäht. Ich bin begeistert. Liebe Grüße Conny

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